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Auf einen fairen Kaffee mit… Jasmin Mittag

Jasmin Mittag
Anna-Maria Ritgen

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Im Interview mit Minimalismus-Expertin Jasmin Mittag

Wir treffen Jasmin Mittag in einem Café in Hannover. Als erstes fällt mir ihre schöne Kette ins Auge. Und unweigerlich frage ich mich, ob man das eigentlich darf im Minimalismus. Eine Kette hat doch eigentlich keine praktische Funktion. Doch schnell klärt Jasmin diese falsche Vorstellung auf. Denn im Minimalismus geht es nicht darum, möglichst wenige Dinge zu besitzen. Der Minimalismus ist ein Leitgedanke für das ganze Leben.

Liebe Jasmin, was ist eigentlich Minimalismus?

Minimalismus ist für mich ein Lebensstil, der Menschen dazu inspiriert, sich auf das Wesentliche in ihrem Leben zu konzentrieren. Das Attraktive daran ist, dass jede Person selbst bestimmt, was Wesentlich ist. Es gibt außer diesem Leitgedanken keine Vorschriften.

Minimalismus ist auch eine Inspiration, Verantwortung zu übernehmen.

Denn wenn ich mich auf das Wesentliche für mich konzentriere, übernehme ich Verantwortung für mein eigenes Leben. Ich lerne mit meinen eigenen Ressourcen verantwortungsvoll umzugehen. Aber ich übernehme auch gleichzeitig gesellschaftliche Verantwortung, weil ich bewusster konsumiere und bewusster auf meine Umwelt und Mitmenschen achte.

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Wie sieht es bei Dir konkret aus? Wie kann ich mir Dein Zuhause vorstellen?

Wenn man zu mir in die Wohnung kommt, würde man nicht sofort denken, dass hier eine Minimalistin wohnt. Ich besitze schon mehr als 100 Dinge. Darum geht es auch nicht im Minimalismus. Das passt für manche Leute. Aber eben nicht für alle. Bei mir Zuhause ist es aber deutlich reduzierter als noch vor ein paar Jahren. Beim Aussortieren habe ich festgestellt, dass ich viele Dinge nur behalten habe, weil sie eine identitätsstiftende Wirkung für mich haben. Zum Beispiel Bücher aus meinem Studium. Ich habe Literatur- und Geschichtswissenschaften studiert und fand es immer ganz schick, dass die ganzen Reclam-Hefte bei mir stehen. Aber irgendwann ist mir aufgegangen, dass ich nie wieder reinschauen werde. Und dass die nur bei mir stehen, weil andere das toll finden könnten. Oder ich mich damit vielleicht wertvoller fühle?!

Gab es bei Dir einen bestimmten Auslöser, Dich mit Minimalismus zu beschäftigen?

Ich beschäftige mich schon seit fünf Jahren mit dem Thema Minimalismus. Es war eher ein schleichender Prozess, wobei es immer Schlüsselmomente gab. Der eine war, dass ich vor sieben Jahren umgezogen bin. Erst dachte ich, ich habe ja gar nichts. Am Ende war aber doch der ganze Umzugswagen voll. Ein paar Sachen haben mir dann doch noch gefehlt. Nachdem ich einmal bei Facebook gepostet habe, was ich brauche, hatte ich innerhalb von 24 Stunden ein Sofa, eine Waschmaschine und eine ganze Küchenausstattung. Die Leute haben mir alles geschenkt und die Sachen sogar vorbeigebracht. Da ist mir der Überfluss nochmal sehr bewusst geworden. Vor fünf Jahren bin ich dann zum Minimalismus-Stammtisch gegangen und habe erfahren, dass es beim Minimalismus um mehr geht, als nur um Sachen aussortieren. Heute organisiere ich den Stammtisch.

Wie bist Du beim Aussortieren vorgegangen?

Der erste Schritt ist, bewusster zu konsumieren. Minimalismus ist eine Lebenseinstellung. Und dazu gehört eben vor allem der bewusste Konsum.

Ich habe mir immer wieder Fragen gestellt: Brauche ich das wirklich und macht mich das glücklich?

So habe ich auch nach und nach Sachen in meiner Wohnung losgelassen. Und ich habe immer mal verschiedene Methoden ausprobiert. Zum Beispiel das „100 Tage 100 Dinge-Experiment“. Die Idee beruht auf dem Film „My Stuff“ von dem Finnen Petri Luukkainen. Ich habe alle meine Sachen, bis auf elf Dinge, in den Keller getan. Die elf Dinge waren ein Kleid, eine Unterhose, Schuhe, mein Mobiltelefon, Laptop, Kamera, einen Topf, Seife, eine Zahnbürste, eine Haarbürste und mein Fahrrad. An den folgenden Tagen habe ich immer ein Teil zurückgeholt. Man kann diese sogenannte Tabula Rasa-Methode auch auf einen kleinen Raum übertragen. Zum Beispiel alle Dinge in einer Schublade wegpacken und schauen, was davon vermisse ich überhaupt? Auf diese Weise kann man gut überprüfen, welche Dinge man wirklich benötigt und die überflüssigen wieder in den Kreislauf geben. Da spielt auch ein Gedanke von Fairness und Umverteilung eine Rolle. Warum sollte ich Dinge bei mir Zuhause haben, die ich gar nicht benutze, wenn jemand anderes sie gut gebrauchen kann?

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Wie steht der Minimalismus zu Dekoartikeln, also scheinbar nutzlosen Dingen, die eigentlich keine Funktion haben?

Es geht im Minimalismus um den Wert, den man selber Dingen zuschreibt. Die Frage ist immer: Ist das aus meiner Perspektive sinnvoll und wertvoll? Und wenn es mein Herz erfreut, wenn ich ein schönes Teelicht habe, dann ist das völlig in Ordnung. Ich möchte mich mit Dingen umgeben, zu denen ich einen positiven Bezug habe. Dann darf man auch im Minimalismus das ein oder andere Unfunktionale haben.

Wir sind in der Vorweihnachtszeit, der wohl größten Konsumzeit im ganzen Jahr. Wie stehst Du zu Geschenken?

Ich persönlich freue mich am meisten über Unternehmungen. Oder über Sachen, die man ohnehin benötigt und verbraucht. Von einer Freundin habe ich zum letzten Geburtstag eine Karte bekommen, auf die sie ein paar nette Worte geschrieben hat. Es sollte in der Vorweihnachtszeit nicht darum gehen, wahllos Geschenke zu kaufen.

Was hat sich in den letzten 5 Jahren, seitdem Du Dich mit dem Thema Minimalismus beschäftigst, verändert?

Ich werde von Tag zu Tag glücklicher, ich fühle mich freier und beschäftige mich mehr mit mir selber. Ich finde immer mehr heraus, was mir wichtig ist und was ich von dem Leben möchte. Und dadurch habe ich mehr Kontakt mit Menschen, die ähnliche Werte wie ich vertreten. Ich wache wirklich jeden Morgen auf und freue mich des Lebens (lacht).

Danke für das spannende Gespräch, liebe Jasmin!

Jasmin Mittag ist Aktivistin und Künstlerin.  Sie bringt durch Kampagnen, Ausstellungen, Veranstaltungen und Aktionen gesellschaftlich relevante Themen wie bewussten Konsum und Nachhaltigkeit voran. In ihrem Podcast „Minimalismus JETZT!“ widmet sie sich jeden Monat einem anderen Aspekt von Minimalismus. Ein spannendes Projekt ist unter anderem „the one thing“. Hier portraitierte sie weltweit mehr als 80 Menschen mit ihrem wichtigsten Gegenstand.

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