Fairer Handel und die MST: Gemeinsame Ziele für ein gutes Leben

Felix Gies

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Die Zusammenarbeit von Fairem Handel und der Movimiento sem Terra (MST) in Brasilien sehen wir als wichtige und sinnvolle Verbindung, die es zu stärken gilt. Movimiento sem Terra ist die zivilgesellschaftliche Bewegung der Landlosen in Brasilien, die seit über 30 Jahren in Fragen des Landbesitzes aktiv ist. Beide Bewegungen teilen wichtige Werte und haben gemeinsame Ziele. So setzen beide Bewegungen darauf, über den Handel mit Produkten präsent zu sein und sich gleichzeitig für politische Ziele einzusetzen. Sie tragen dazu bei, Menschenrechte zu schützen, damit insbesondere Kleinbäuer*innen und strukturell benachteiligte Produzent*innen besser leben können. Die Landfrage ist auch im Fairen Handel wichtig. Deswegen arbeitet El Puente nicht mit Plantagenbetrieben, sondern mit Kooperativen zusammen. Dadurch können Kleinbäuer*innen ihr eigenes Land für ein Einkommen bewirtschaften. Um unsere Handelspartnerschaften zu stärken, besuchen El Puente Vertreter*innen die Partner und reisten im Mai 2019 nach Brasilien zur MST.

In Porto Alegre bei der Reiskooperative COOTAP

Am Flughafen in Porto Alegre werden die Reisenden von Olavo Tatsuo Makiyama empfangen. Olavo engagiert sich seit 2011 für die MST. Seit 2019 ist er dabei, mit anderen Aktiven ein nationales Exportbüro für MST aufzubauen. In seiner Begleitung brechen Felix und Isolde zu drei Kooperativen auf. Zunächst besuchen sie COOTAP, eine Kooperative, in der sich Produzent*innen der MST im Großraum Porto Alegre zusammengeschlossen haben. Im Hauptsitz mit Büros und angeschlossenem Zwischenlager in der MST Siedlung, dem Assentamento Integracao Gaúcha, wird die Gruppe von Präsident Emerson und weiteren Vertreter*innen von COOTAP empfangen.

Die 218 Familien der Siedlung waren früher entweder Lohnarbeiter*innen für Großgrundbesitzer oder hatten überhaupt keinen Bezug zur Landwirtschaft. Als Teil der MST-Bewegung erhielten sie in den 1990er Jahren Land, das zuvor ungenutzt war und der Regierung gehörte. Schnell konzentrierte sich die Kooperative auf den Bio-Anbau, den sie erfolgreich einführte. COOTAP hat außerdem vier Bäckereien gegründet, die mehrheitlich von Frauen geführt werden.

Die Kooperative ist basisdemokratisch organisiert. Die Mitglieder sind in Assentamentos genannten Produzent*innengruppen organisiert. Innerhalb der Gruppen gibt es regelmäßige Treffen zur Koordinierung der Aktivitäten, aber auch – wie generell bei der MST üblich – zur politischen Bildung.

Die Produzent*innengruppen schicken Vertreter*innen zur jährlichen Hauptversammlung von COOTAP. Dort wird unter anderem das Preismodell für Reis verabschiedet. Die Kooperative, die in 2015 rund 1580 Mitglieder zählte, bietet diesen wichtige Leistungen. So können die Kleinbäuer*innen zu Saisonbeginn Kredite für den Kauf von Material, Saatgut (aus MST-Produktion) oder Benzin aufnehmen und nach der Ernte zurückzahlen.

Geholfen hat der Kooperative nach eigener Aussage die Politik der Regierungen Lula da Silva / Dilma Roussef, die Infrastrukturmaßnahmen förderten. Außerdem sorgten sie mit einem Gesetz dafür, dass 30% der Nahrungsmittel in öffentlichen Institutionen, darunter Schulen und Universitäten, aus Quellen der Landreform oder von Kleinbäuer*innen gekauft werden müssen. COOTAP verkauft deshalb einen Großteil seiner Produkte an öffentliche Institutionen, im letzten Jahr 90 % ihrer Reiseernte.

Unsicherheiten auf Grund der aktuellen politischen Lage

Die aktuelle Situation der Kooperative schätzen die Vertreter*innen sehr gemischt ein. Das Jahr 2018 war für COOTAP wirtschaftlich erfolgreich und es wurden viele Verträge für das Jahr 2019 abgeschlossen. Sie sind zuversichtlich, das Vorjahresniveau halten zu können. Die Zukunft ist aber angesichts der Präsidentschaft des rechtsextremen Jair Bolsonaro sehr unsicher. Die Regierung stellt sich öffentlich klar gegen die MST. Deshalb ist es für COOTAP unklar, inwiefern sie künftig noch auf ihren wichtigsten Absatzmarkt setzen können. Mit diesen Informationen und der Absprache, dass ab September 2019 Bio-Langkornreis parboiled bei El Puente erhältlich sein wird, brechen Felix und Isolde auf zur Kooperative BioNatur in Candiota.

Biologisch angebautes Saatgut von BioNatur

BioNatur ist kein Handelspartner von El Puente, aber der Besuch gibt weitere Einblicke in die Organisation der MST und die Möglichkeit neue Kooperationen anzudenken. Die Kooperative liegt sehr abgelegen, was zeigt, unter welch schwierigen Umständen die Siedler*innen der MST sich eine Existenz aufbauen mussten. Dabei erscheint es den Reisenden immer wieder beeindruckend, welch hohes Maß an Professionalität innerhalb der letzten 20 Jahren erreicht wurde.

Vor Ort berichten Mitarbeiter*innen und Direktor Alceman Afilio Inhaia , dass die Kooperative 1997 von Familien in Candiota und Hulha Negra aufgebaut wurde, die in den späten 1980er Jahren MST-Siedlungen gegründet hatten und dort Landwirtschaft betrieben. Heute vereint die Kooperative 210 Familien. Sie produziert Bio-Saatgut, was für die Mitglieder jedoch meist die zweite oder dritte Einnahmequelle neben anderen Aktivitäten darstellt. Ihr Ziel ist es, durch eine solidarische Saatgut-Produktion eine Ernährungssicherheit für künftige Generationen zu schaffen. Dabei setzen sie sich für den Schutz der Biodiversität ein und kämpfen für ein sozial, ökologisch und ökonomisch gerechtes und faires Gesellschaftsmodell. Die Kooperative versorgt die Produzent*innen mit dem Saatgut für die Aussaat, Berater*innen geben Tipps für den richtigen Anbau. In ihren Verkäufen ist BioNatur stark abhängig von Regierungsprogrammen, die Saatgut beziehen, um dieses etwa an Kleinbäuer*innen in Brasilien zu verteilen.

Professionell und solidarisch: Die Mate-Kooperative Copermate

Weiter geht die Reise nach Santa Maria do Oeste, wo die Kooperative Copermate ihren Hauptsitz hat. Von Copermate beziehen wir Matetee, die 250g Einheit als fertig verpacktes Produkt. Probleme gab es in der Vergangenheit mit überhöhten Anthrachinon Werten, weshalb wir auch im Detail den Produktionsprozess nachvollziehen müssen. Auch hier bestätigt sich der Eindruck eines hochprofessionell organisierten Partners, der seiner Arbeit dennoch einen solidarischen Ansatz zugrunde legt. Empfangen werden Isolde und Felix von Luis Z. Gomes, Geschäftsführer der Kooperative, von Mitgliedern des Verwaltungsrats und des Direktoriums der Kooperative.

Schnell wird deutlich, dass El Puente in den Anfangsjahren der Kooperative eine entscheidende Rolle bei der Professionalisierung und bei dem Ausbau der Exportaktivitäten gespielt hat. Durch einen wichtigen Partner in den USA sowie einem Regierungsprogramm konnte Copermate in den vergangenen Jahren in die Modernisierung der Produktionsanlagen investieren und die Professionalität in Bezug auf Management und Qualitätskontrolle erhöhen.

Luis gibt uns eine ausführliche Führung durch die Verarbeitungsanlage und die Pflanzungen eines Mate-Tee-Produzenten. Dabei sprechen sie sowohl über Anbauaspekte als auch über Arbeitsbedingungen. So greift der Produzent bei der Ernte etwa auf Erntehelfer zurück. Im Gegensatz zum brasilianischen Normalfall sind diese aber mit mindestens Mindestlohn bei einem Unternehmen angestellt und sozialversichert.

Bereichernd von vielen prägenden Gesprächen mit Produzent*innen, Mitarbeiter*innen und Führungspersonal, verlassen Felix und Isolde Brasilien. In allen Gesprächen wurde klar, wie zentral der solidarische Ansatz, das gemeinschaftliche Diskutieren, Entscheiden und Handeln bei der MST ist. Mit der konsequenten Verbindung des Wirtschaftlichen mit dem Politischen ist für uns auch klar, welche Rolle der Faire Handel für die MST spielen kann: Anhand der fair gehandelten Produkte über die wichtige Arbeit der MST zu informieren.

 

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