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Interview mit Jette Ladiges

Jette Ladgies WFTO

Jette Ladiges ist neue Geschäftsführerin von El Puente. Zum Zeitpunkt des Interviews stand sie bereits als Nachfolgerin für Martin Moritz fest, war aber noch für die WFTO tätig. Die Vorfreude war beim Interview bereits auf allen Seiten deutlich zu spüren!

Liebe Jette, Du hast bisher Dein gesamtes Arbeitsleben im Ausland verbracht. Und ebenfalls den größten Teil davon im Fairen Handel. Welche Stationen bist Du konkret durchlaufen?

Zuerst habe ich während meines Studiums der Soziologie und Politik in Neuseeland in einem Sozialunternehmen gearbeitet. Das Modeunternehmen hat Frauen beschäftigt, die ansonsten keinen Zugang zum Arbeitsmarkt hätten. Meine Masterarbeit im Bereich Businessmanagement habe ich zusammen mit der neuseeländischen Fairhandels-Organisation Trade Aid gemacht. Danach habe ich angefangen bei Trade Aid als Sales-Koordinatorin mit dem Schwerpunkt Kunsthandwerk zu arbeiten. Zum Teil war ich im Einkauf tätig, zum  Teil im Produktdesign, aber hauptsächlich in der Markterschließung.

Dann bin ich zurück nach Europa gezogen und wollte natürlich im Fairen Handel bleiben. So habe ich als Partnershipsmanagerin der WFTO angefangen. Dabei habe ich vor allem drei Arbeitsschwerpunkte. Zum einen die Koordination der Arbeit mit Initiativen und Bewegungen, die ähnliche Ziele wie der Faire Handel haben, wie zum Beispiel Fashion  Revolution. Ein weiterer Aufgabenbereich ist die Markterschließung für unsere Mitglieder. Wir schauen zum Beispiel, welche Ansatzpunkte es in Bezug auf lokale Märkte gibt, also Süd zu Süd oder Nord zu Nord.

Ein weiteres Projekt war gemeinsam mit der Luxusmarke Cloé. Diese möchte mindestens 20% ihrer Lieferketten auf den Fairen Handel umstellen und dabei durch WFTO-Mitglieder beliefert werden. Das ist gar nicht so einfach, da Sozialunternehmen meist anders aufgestellt sind. Im ersten Schritt muss man einem großen Unternehmen wie Cloé  erklären, wie Sozialunternehmen und der Faire Handel funktionieren. Auf der anderen Seite muss man auch den WFTO-Mitgliedern erklären, was bei der Zusammenarbeit zu beachten ist. Denn sie sind es natürlich gewohnt, mit Partnern wie El Puente zusammenzuarbeiten, die ein viel besseres Verständnis für ihre Situation haben. Der dritte Punkt, für  den ich verantwortlich bin, sind die unterschiedlichen Projekte bei der WFTO, wie Made 51 gemeinsam mit der UNCHR.

Es gibt ja viele Bereiche, in denen man sich für eine gute Sache engagieren kann. Warum ist es für Dich gerade der Faire Handel geworden?

Für mich geht es gar nicht unbedingt um den Fairen Handel, das ist das Sahnestück obendrauf. Für mich geht es um Unternehmen, die anders strukturiert sind. Ich glaube, dass wir ganz große strukturelle Probleme in der Welt haben und dass wir gerade in der Wirtschaft unbedingt umdenken und andere Lösungsansätze finden müssen. Hier sehe ich auch den großen Unterschied zwischen Fair Trade International und der WFTO. Denn die WFTO betrachtet ein Unternehmen im Ganzen.

Deswegen habe ich erst im Sozialunternehmen gearbeitet und bin dann bei Trade Aid gelandet, weil das beides Unternehmen sind, die eine andere Struktur haben, die Menschen und Natur vor Profitmaximierung stellen. Und trotzdem sind sie als Unternehmen lebensfähig. Das ist für mich faszinierend.

Es zeigt, dass die Idee, anders zu wirtschaften, keine Utopie ist, sondern dass es bereits Unternehmen gibt, die das sehr erfolgreich machen. Für mich ist der Faire Handel damit  auch ein „Proof of concept“, eine Art Werkzeug, der Welt zu zeigen, es geht auch anders. Darum bin ich auch sehr gespannt auf El Puente, als Unternehmen mit einer Struktur, die Mitarbeiter*innen und vor allem auch die Handelspartner als Gesellschafter miteinbezieht. Das finde ich faszinierend.

Bei Deinen bisherigen Tätigkeiten hast Du auch viel Kontakt zu den Handelspartnern im Globalen Süden gehabt und warst auch des Öfteren vor Ort. Was war Dein Eindruck,  kann der Faire Handel vor Ort wirklich eine Veränderung bewirken?

Definitiv. Gerade die WFTO-Mitglieder können eine Veränderung bewirken, weil sie in ihrer Community fest integriert sind. Es geht nicht nur darum, ein bestimmtes Projekt zu zertifizieren und vielleicht eine Prämie dafür zu zahlen. Es geht darum, dass die Unternehmen andere Strukturen haben, dass die Produzent*innen vertreten sind, mit im Vorstand sitzen usw. Sie agieren im Sinne der Leute, die für dieses Unternehmen arbeiten. Natürlich – wenn Du mehr Mitspracherecht hast, dann hat das Unternehmen einen ganz anderen Impact. Du möchtest dann zum Beispiel, dass Deine Kinder in den Kindergarten gehen können oder dass Geld übrig bleibt, um die Kinder zur Schule zu schicken oder um Dich  selbst weiterzubilden. Auch bei meinen Besuchen vor Ort hat sich diese Wirkung gezeigt. Und, dass vor allem die anderen Strukturen dem wirklich nachhelfen.

Oft hat sich auch gezeigt, dass wir uns ein Stück von den Unternehmen im Globalen Süden abschneiden können. In Europa hängen wir mittlerweile ganz schön hinterher. Das ist nochmal ein anderer Ansatz zu schauen, was kann man von den Organisationen im Globalen Süden lernen?!

Hast Du da ein Beispiel?

Da habe ich viele Beispiele. Ganz viele Unternehmen bieten zum Beispiel Kindergärten an. Wir wissen alle, wie wichtig das ist. Auch in Deutschland fehlt es uns oft an  Kindergartenplätzen. Aber auch andere Dinge sind spannend, zum Beispiel die Art und Weise, wie die Unternehmen ihre Geschäfte aufbauen. ACP ist auch ein Partner von El Puente. Die haben zum Beispiel einen tollen Laden, der sehr chic aussieht. Weltläden, die vor der Frage stehen, wie bauen wir ein Geschäft auf, das attraktiv ist, da kann ich nur  sagen, fahrt nach Nepal und schaut Euch an, was ACP gemacht hat.

Ein weiteres Beispiel ist Selyn in Sri Lanka, auch ein Unternehmen, mit dem El Puente zusammenarbeitet. Selyn hat gerade einen Generationswechsel hinter sich, bei dem die Tochter das Unternehmen übernommen hat. Spannend ist die Marketingstrategie und wie sie über ihr Unternehmen sprechen, aber auch, die Art von Produkten, die sie innerhalb ihres Landes anbieten. Denn damit thematisieren sie bestimmte Probleme. Zum Beispiel hat Selyn Hygieneprodukte für Frauen hergestellt, die wiederverwendbar bzw. waschbar sind. Damit setzen sie Themen, die sonst vielleicht gar nicht angesprochen werden. Das ist eine wichtige Aufgabe für ein Unternehmen, Vorreiter zu sein und immer wieder  Themenwie Rassismus, Gender usw. anzusprechen.

Ein Blick in die Glaskugel, was kannst Du Dir vorstellen, wie wird der Faire Handel in 50 Jahren aussehen?

Das ist eine schwierige Frage. Ich hoffe, dass wir es schaffen, den Fairen Handel noch viel mehr in den Mainstream zu bringen. Man sieht ja jetzt schon Bewegungen, die in die Richtung gehen. Man sieht, dass auf Regierungsebene Gesetze verfasst werden oder dass Endkund*innen viel mehr danach gucken, ob etwas ethisch oder nachhaltig hergestellt  wird.

Ganz große Diskussionen gibt es um Themen wie New Economy und New Work. Das sind Punkte, die der Faire Handel schon seit 50 Jahren bearbeitet. Insofern habe ich das Gefühl, dass wir schon relativ weit sind. Jetzt ist unsere Chance, das Ganze noch viel breiter aufzustellen. Und ich hoffe, dass in 50 Jahren unsere Ideen im Fairen Handel die Norm geworden sind. Wir haben jetzt großen Druck, nicht nur auf der sozial-nachhaltigen, sondern natürlich auch auf der umwelttechnisch-nachhaltigen Ebene. Wir müssen strukturell etwas ändern. Es geht nicht, dass wir nur Plastiktüten vermeiden. Wir müssen umdenken und uns überlegen, was für eine Wirtschaft brauchen wir, um überhaupt an unsere Ziele zu kommen. Und ich glaube, dass der Faire Handel unglaublich viele gute Lösungsansätze hat. Ich glaube, dass wir viel dazu beitragen können, diesen Wandel  mitzugestalten. Und hoffentlich sind wir in 50 Jahren ein ganz normales Unternehmen, so wie alle anderen auch. Ob das so wird, wird sich zeigen. Aber das ist meine  Wunschvorstellung.

Vielen Dank Jette Ladiges!